Westafrika zählt zu den kulturell vielfältigsten Regionen des afrikanischen Kontinents. Zwischen der Atlantikküste Senegals und dem Nigerdelta leben mehrere hundert ethnische Gruppen, deren künstlerische Ausdrucksformen teils bis in vorkoloniale Reiche zurückreichen. Wer die Region bereist, begegnet Bronzegussarbeiten, Textilien, Masken und Goldschmiedekunst, die nicht nur ästhetischen Wert besitzen, sondern auch soziale, religiöse und historische Funktionen erfüllen.
Senegal: Hinterglasmalerei und die Erzähltradition der Sous-Verre
Seit dem späten 19. Jahrhundert hat sich in Senegal die Hinterglasmalerei entwickelt, im lokalen Sprachgebrauch Sous-Verre oder Suweer genannt. Wahrscheinlich durch Handelskontakte mit Nordafrika und dem osmanischen Raum eingeträuft, schufen senegalesische Künstler einen eigenen Stil, in dem religiöse Motive aus dem Mouridismus, Alltagsszenen und historische Persönlichkeiten wie Cheikh Amadou Bamba verewigt werden.
Die Technik erfordert sorgfältige Arbeit, da die Malerei spiegelverkehrt auf die Rückseite einer Glasplatte aufgetragen wird. Die Hinterglasmalerei wurde insbesondere von den beiden Künstlern Gora Mbengue und Mor Gueye international bekannt gemacht. Zahlreiche Werke sind im Musée Théodore Monod d’Art Africain in Dakar zu sehen. Reisende finden traditionelle Sous-Verre-Arbeiten auf dem Marché Kermel und in Galerien der Île de Gorée, wo auch das UNESCO-Welterbe zur Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels vermittelt wird.
Mali: Bogolan-Stoffe und Dogon-Masken
Mali gilt als Heimat zweier weltweit bekannter Kunsttraditionen. Die Bogolanfini-Textilien der Bambara, umgangssprachlich als Mud Cloth bezeichnet, entstehen durch ein aufwendiges Färbeverfahren mit fermentiertem Flussschlamm und pflanzlichen Beizen aus Blättern des N’Gallama-Baums. Die geometrischen Muster kodieren regionale Zugehörigkeit, Lebensabschnitte und soziale Botschaften. Wer sich für authentische Stücke interessiert, kann sowohl auf Märkten in Ségou und Bamako fündig werden als auch in einem spezialisierten Kunst Onlineshop, der kuratierte Objekte verschiedener westafrikanischer Traditionen zusammenführt.
Die Dogon in der Region um die Bandiagara-Steilwand, seit 1989 UNESCO-Welterbe, sind für ihre rituellen Masken bekannt. Die Kanaga-, Sirige- und Walu-Masken werden bei der Dama-Zeremonie getragen, einer Bestattungsfeier, die den Übergang der Verstorbenen ins Reich der Ahnen begleiten soll. Ethnologische Studien, etwa die Feldforschungen von Marcel Griaule in den 1930er Jahren, haben die komplexe Kosmologie der Dogon dokumentiert, wobei einige seiner Interpretationen heute wissenschaftlich diskutiert werden.
Ghana: Ashanti-Goldschmiedekunst und Kente-Weberei
Das historische Ashanti-Reich, dessen Zentrum bis heute Kumasi bildet, entwickelte eine Goldschmiedekunst, die eng mit der Herrschaftssymbolik verbunden war. Der Goldene Stuhl, Sika Dwa Kofi, gilt als Sitz der Seele des Ashanti-Volkes und darf niemand physisch berühren. Goldschmiede fertigen ihre Arbeiten traditionell im Wachsausschmelzverfahren, einer Technik, die auch bei den Bronzen anderer westafrikanischer Kulturen zum Einsatz kommt.
Parallel dazu produzieren die Weber in den Dörfern Bonwire und Adanwomase seit dem 17. Jahrhundert Kente-Stoffe. Die schmalen, auf horizontalen Webstühlen gefertigten Bänder werden zu großformatigen Tüchern zusammengesetzt. Jedes Muster trägt einen Namen und eine Bedeutung, etwa Adweneasa für Kreativität oder Sika Futuro für Wohlstand. Die ghanaische Regierung und das Ashanti Traditional Council setzen sich seit mehreren Jahren für eine geografische Herkunftsbezeichnung ein, um Nachahmungen aus industrieller Fertigung abzugrenzen.
Nigeria: Benin-Bronzen und die Kunst des Nigerdeltas
Die Bronzen aus dem Königreich Benin, mit dem Kernland im heutigen Edo State, gehören zu den schönsten und bedeutsamsten Beispielen westafrikanischer Metallkunst. Ab dem 13. Jahrhundert entstanden Reliefplatten, Gedenkköpfe und Figuren, die den Palast des Oba schmückten. Die technische Güte, die Wanddicke der Güsse erreichen bis heute internationale Referenzwerte. Bei der britischen Strafexpedition von 1897 wurden mehrere tausend Objekte geraubt und in europäische und amerikanische Museen verbracht.
Ab 2022 haben mehrere Institute, darunter das Museum am Rothenbaum in Hamburg und das Ethnologische Museum in Berlin, mit der Rückgabe an Nigeria begonnen. Im Süden Nigerias pflegen die Yoruba eine große Skulpturentradition, deren Zentrum die Stadt Ife bildete. Naturalistische Terrakotta- und Bronzeköpfe, die im 12. bis 15. Jahrhundert entstanden, stellten frühere Datierungsannahmen zur afrikanischen Kunstgeschichte völlig in Frage.